Sie sind hier: Startseite / News / Zwischen Kirchenburg und Eishotel

Zwischen Kirchenburg und Eishotel

Eine Gruppe aus den 9. Klassen bereiste Siebenbürgen
Begleitet von Zeugnissen einer traditionsreichen und bewegten Vergangenheit auf der einen und den Errungenschaften der Moderne auf der anderen Seite, erlebten etwa 30 Schülerinnen und Schüler mit ihren Begleitlehrern Pfarrer Paul Sattler und Silke Rottmann eine von Erlebnissen und Eindrücken reiche Studienfahrt nach Siebenbürgen in Rumänien. Auf Schritt und Tritt begegnen einem in diesem Landstrich, 1500 Kilometer von der Heimat entfernt, Hinweise auf eine ehemals reiche deutsche Kultur.
Auf dem Weg machte die Gruppe zum ersten Mal Halt am nächtlich beleuchteten Wiener Schloss Schönbrunn. Der in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommene imposante Prachtbau vermittelt einen Eindruck der Bedeutung der bis 1918 bestehenden Monarchie. Tradition und Moderne verbinden sich auch in Budapest, einer der schönsten Städte der Welt. Bei einem mitternächtlichen Spaziergang durch die Váci utca, der bekanntesten Flaniermeile der Stadt, bestaunten die Schüler die großartigen Gebäude verschiedener Baustile, in deren Erdgeschoss Auslagen meist westlicher Firmen und Marken die Käufer anlocken.
Im Gegensatz zu den Vorjahren wählte Paul Sattler, der Organisator der Fahrt, dieses Mal eine andere Route nach Rumänien, so dass das oft als Hauptstadt Siebenbürgens bezeichnete Klausenburg (Cluj) die erste Station bildete. Bei einem Rundgang durch die im 13. Jahrundert von deutschen Siedlern gegründete Stadt beeindruckte die Schüler die wunderbare Symbiose von Gebäuden aus dem Mittelalter bis in das 21. Jahrhundert. Die Einflüsse deutscher Kultur an den Gebäuden ist auch hier unübersehbar. Während des Spaziergangs erlebten die Schüler auch Geschichtsunterricht vor Ort, so am gotischen Geburtshaus von Matthias Corvinus, dem späteren ungarischen König oder der ebenfalls gotischen Michaelskirche, denn bereits 1568 wurde in der Stadt durch das Toleranzedikt von Fürst Johann Sigmund die Glaubensfreiheit eingeführt.
Schon am folgenden Tag ging die Reise weiter nach Kronstadt. Auf dem Weg und einem Teilstück der neuen Autobahn konnten die Schüler in der Kreisstadt Târgu Mureş (Neumarkt) auch zwischen einem Kontrastprogramm wählen. Während einige sich kulturell-geschichtlich beim Besuch in der imposanten orthodoxen Kathedrale weiterbildeten, zogen es andere vor, im modernen Tempel einer bekannten Fast-Food Kette für ihr leibliches Wohl zu sorgen.

So gestärkt konnte die Gruppe anschließend die einzige noch vollständig erhaltene und bewohnte mittelalterliche Festung Europas in Schäßburg (Sighisoara) "erstürmen". Aber auch hier hatten, nicht die Götter, sondern die Stadtbaumeister vor den Erfolg den Schweiß gesetzt, denn wie seit 1642 mussten die Oettinger zuerst die 175 Eichenstufen der überdachten Schülertreppe bewältigen, um hoch über den Ufern der "Großen Kokel" auf dem Burgberg zur Bergschule, dem " Josef Haltrich Lyzeum", in dem auch Paul Sattler schon zur Schule ging, zu gelangen. Er konnte den Schülern auch die eindrucksvoll gestaltete Aula zeigen, in der er selbst die Abiturprüfungen ablegte. Um zum wertvollsten Baudenkmal der Partnerstadt von Dinkelsbühl zu gelangen, mussten noch einige Höhenmeter überwunden werden. In der Bergkirche konnten die Schüler dann zahlreiche Altäre besichtigen, die aus den vom Verfall bedrohten Kirchen der umliegenden Gemeinden zusammengetragen wurden. Der wertvollste stammt, ebenso wie das Taufbecken, aus der Kirche von Schaas, dem Geburtsort Paul Sattlers.
 
Deutsche Wurzeln bestimmen auch die Geschichte von Kronstadt (Brasov), wie Stadtführerin Mimi Kulin der Reisegruppe bei der Führung durch die wegen ihrer wunderschönen Lage in den Südkarpaten auch das "rumänische Salzburg" genannte Stadt, mehrmals verdeutlichte.
Vom Aussichtsturm aus hatten die Schüler einen herrlichen Blick auf die Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen. Herausragend natürlich das Wahrzeichen der Stadt, die "Schwarze Kirche". Die Mauern der größten spätgotischen Hallenkirche Mittel- und Osteuropas waren nach einem Brand im Jahr 1689 total geschwärzt, was zu ihrem Namen führte. In der Kirche erfuhren die Oettinger, dass sie die mit 4000 Pfeifen und 76 Registern größte Orgel Siebenbürgens und mit etwa 150 Exemplaren nach Istanbul die größte Sammlung wertvoller anatolischer Teppiche in Europa enthält.

Ohne seine imposanten Wehrkirchen ist Siebenbürgen nicht denkbar. Deshalb ist der Besuch in der größten von ihnen nahezu ein "Muss" jeder Reise durch das eindrucksvolle Land. Die Kirche in Tartlau mit den über 200 Vorratskammern für die Familien des Ortes ließ für die Schüler etwas von dem unbedingten Behauptungswillen der Siebenbürger Sachsen in den vergangenen Jahrhunderten erahnen.

Stärke bewiesen auch die Einwohner Hermannstadts (Sibius) im Kampf gegen die kommunistische Diktatur Nicolae Ceausescus. Für die Freiheit in Rumänien erhoben sich die Hermannstädter 1989 während der Dezemberrevolution. Der Kampf gegen den kommunistischen Terror kostete 91 Menschen das Leben. Dort, wo damals Schüsse fielen, versammelten sich die A-E-Gler auf ihrer nächsten Station, um das besondere Flair einer der schönsten und am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Rumäniens und Europas zu genießen. Auf dem "Großen Ring", blicken heute die "Augen der Stadt", so werden die Dachfenster der Häuser genannt, auf ein friedliches und zugleich eindrucksvolles Zentrum herab und sie begleiteten die Schülergruppe auch auf ihrem Stadtrundgang mit Andreea Jacob. Auch hier prägen die Kirchen das Bild der Stadt und legen zugleich Zeugnis einer bewegten Geschichte ab. Seit vielen Jahrhunderten ist die evangelische Kirche der Mittelpunkt der von drei Befestigungsanlagen umgebenen Stadt. Die katholische Kirche ließ Kaiserin Maria Theresia in der Zeit der Gegenreformation so platzieren, dass sie den Zugang zum evangelischen Gotteshaus mehr oder weniger versperren und die Gläubigen „umleiten“ sollte, was aber nicht gelang, wie ein schmaler Durchgang beweist. Mit dem Exodus der Siebenbürger Sachsen in den letzten Jahrzehnten gewann dann die orthodoxe Kirche, der 99 Prozent der rumänischen Bevölkerung angehören, immer mehr an Bedeutung.
Auch dieses Mal stürzte beim Rundgang der Schüler die berühmte gusseiserne "Lügenbrücke", eigentlich heißt sie „Liegenbrücke“, weil sie ohne Pfeiler konstruiert ist, zum Glück nicht ein. Um sie ranken sich nämlich einige Legenden, wie die, dass die Brücke einstürzt, wenn eine auf ihr geschworene ewige Liebe gelogen ist.

Von den Zeugnissen einer bewegten Geschichte ging es dann, vorbei an riesigen modernen Einkaufzentren meist westlicher Konzerne, hinauf in die Höhen der Karpaten. Haben die Bauwerke im Tal Jahrunderte überdauert, hält das moderne Bulea Eishotel in 2034 Metern Höhe nur einen Winter lang. Aus Eisblöcken des nahegelegenen Sees wird es jedes Jahr in zweimonatiger Arbeit immer wieder neu aufgebaut. Von außen unter einer dicken Schneedecke kaum sichtbar, staunten die Schüler nicht schlecht, als sie den modernen "Palast" betraten, in dem Betten, Tische, Stühle, alles aus Eis geformt ist, man aber auf keinen Luxus verzichten muss. Auch in der eigens im Eis errichteten Kirche klickten die Fotos der Jugendlichen unentwegt, vor allem die in die Wand aus Eis modulierte Abendmahlszene rief großes Staunen hervor.
Mit der Seilbahn ging es dann wieder hinab in das Leben der Dörfer rund um die Städte mit kleinbäuerlichen Strukturen, geprägt von Pferdewagen, der Arbeit mit den Pferden auf den Äckern sowie Gemächlichkeit, scheinbar frei von Hektik und Wohlstandsstress.
Ein typisches rumänisches Hirtendorf erlebten die Schüler bei der Fahrt durch Rásinar, mit seinen engen verwinkelten Gassen, und im Kontrast dazu Michelsberg, ein typisch sächsischer Ort mit deutscher Vergangenheit, offen und weitläufig. In der Burgkirche stimmten einige Schüler spontan einen Kanon an, der in das weite Land hinaus klang.
Als eine Art Zusammenfassung der Reise bot der Besuch des weltweit größten Freilichtmuseums nahe Hermannstadt Einblicke in das Leben in den verschiedenen Regionen Rumäniens damals und heute, ein passender Abschluss einer an Eindrücken und Erfahrungen reichen Fahrt zwischen Tradition und Moderne, Geschichte und Gegenwart, eben zwischen Kirchenburg und Eishotel.

 

Die Reise in Bildern....