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Zwischen deutscher Vergangenheit und europäischer Zukunft

Schülergruppe unternahm Studienfahrt nach Siebenbürgen
Zwischen deutscher Vergangenheit und europäischer Zukunft

Dieses Haus ziert auch den 10 Lei Schein

Ein Land und zwei Welten erlebten 28 Schülerinnen und Schüler mit ihren Begleitlehrern während einer eindrucksvollen Studienfahrt nach Siebenbürgen in Rumänien.

Zwanzig Stunden dauerte die Busreise, der von Pfarrer Paul Sattler nun schon zum siebten Mal am A-E-G bestens organisierten Fahrt, bis das erste Ziel, das im 13. Jahrhundert von deutschen Siedlern erbaute Klausenburg (Cluj) erreicht war. Davor lag ein Stop am Schloss Schönbrunn in Wien und ein nächtlicher Spaziergang durch das wieder prächtig herausgeputzte Budapest. Moderne Geschäfte entlang der weltberühmten Váci utca, in denen fast alle  bekannten Modelabels der Welt vertreten sind, treffen auf wieder in altem Glanz erstrahlende Prachtbauten aus vergangener glorreicher Zeit.

Die aufgehende Sonne begrüßte die Reisenden schließlich in Rumänien und das Aufeinandertreffen von Moderne und Vergangenheit in der Gegenwart sollte auch die Eindrücke der kommenden Woche prägen. 
Vom hoch über der Stadt gelegenen Hotel Belvedere hatten die Oettinger einen herrlichen Blick über Klausenburg, bevor sie hinabstiegen um die viertgrößte Stadt Rumäniens, von Paul Sattler kompetent geführt, zu erkunden. Unter dem imposanten Reiterstandbild von Matthias Corvinius, einst König von Ungarn, erfuhren die Schüler unter anderem, dass Klausenburg heute das kulturelle Zentrum der ungarischen Minderheit in Rumänien darstellt.

Kurz nach den riesigen Einkaufszentren, die mittlerweile in allen größeren Städten Siebenbürgens die Stadtränder prägen, eröffnete sich eine atemberaubend schöne Landschaft, die meistens nahezu unberührt ihre ursprüngliche Natürlichkeit erhalten hat. Sanfte Hügel, umsäumt von Wiesen und Wäldern, kleine Dörfer, die in die Täler eingebettet sind, Bäche, die ihren natürlichen Läufen folgen dürfen, Äcker, die nicht flurbereinigt meist nur wenige Ar umfassen, Kartoffelfeuer und aufgemanteltes Heu, Menschen, die vorwiegend in Handarbeit, in Gemeinschaft und mit Gelassenheit die Früchte ihrer Arbeit ernten, all das bietet ein Bild wie es die älteren Reisenden aus ihren Kindertagen kennen. Man muss aufpassen, all das nicht idyllisch, nostalgisch zu verklären, um die Problematik nicht zu übersehen, die für eine Vielzahl der Menschen in der rasanten Entwicklung des Landes liegt. Die mittlerweile ausgezeichneten Hauptverkehrsstraßen, die oft bundesdeutschen Standart schon übertreffen, die inzwischen gut organisierte Müllbeseitigung, die teilweise liebevoll geschmückten Plätze und Häuser und der begonnene Autobahnbau sind Belege für den Aufbruch Rumäniens, sich westlichem Niveau anzugleichen. Aber was wird aus den Zwiebelverkäufern am Rand der Straßen, den Menschen, die mit einem einfachen Pferdewagen ihr Tagwerk verrichten, der Ruhe, der Gelassenheit, die die Leute ausstrahlen, denen Hetze und Getriebensein fremd zu sein scheint? Sie werden früher oder später verschwunden sein, aber wird damit nicht auch der Charakter, der Charme des Landes verloren gehen? Diese Gedanken, bewegen den Reisenden bei der Fahrt durch durch Siebenbürgen, bevor das einzigartige, zum Unesco-Weltkulturerbe zählende historische Zentrum von Schäßburg die Oettinger zum nächsten Halt einlud. Hier begegnete den Schülern zum ersten Mal auch die literarische Gestalt des Dracula, die mit Schäßburg in Verbindung gebracht wird. Der historische Vlad Tepes (der Pfähler) soll hier im 15. Jhd. geboren worden sein und auch einige Jahre gelebt haben. Ganz sicher ist aber, dass Pfarrer Paul Sattler im Josef Haltrich Lyzeum zur Schule ging und wie die A-E-Gler auch, erst einmal die 176 Stufen der Schultreppe überwinden musste, um zum Schulberg zu gelangen, auf dem auch die berühmte Bergkirche steht, der die Oettinger ebenfalls einen Besuch abstatteten.

Die Gruppe näherte sich den Karpaten immer mehr, bis sie schließlich das fruchtbare Burzenland und das vom Deutschen Ritterorden gegründete Kronstadt (Brasov) erreicht hatten. Während einer Stadtführung erhielten die Schüler zahlreiche Informationen zur Geschichte der Stadt und auch ihrer überragenden Bedeutung als Handelszentrum in früherer Zeit. Davon zeugt auch die überaus wertvolle Teppichsammlung im berühmtesten Gebäude Kronstadt, der schwarzen Kirche. Reiche Kaufleute spendeten sie der Kirche nach gesunder Rückkehr von ihren Handelsreisen. Aber auch religionsgeschichtlich kommt Kronstadt große Bedeutung zu, wie die Oettinger unter der Statue von Johannes Honterus, einem Sohn der Stadt, vor der Kirche erfuhren. Dem Reformator, Humanisten und Universalgelehrten war es gelungen, bereits 1547 in Siebenbürgen die Reformation abzuschließen, nachdem er zuvor Martin Luther getroffen, den Buchdruck nach Siebenbürgen gebracht, Bibiliotheken und Schulen gegründet hatte. So die Vergangenheit. In der Gegenwart dominiert die Orthodoxe Kirche in Siebenbürgen, was die zahlreichen, gewaltigen, meist mit goldenen Kuppeln versehenen Kirchenbauten ebenso verdeutlichen, wie die Tatsache, dass es vor der Wende 1990 etwa 60 orthodoxe Klöster gab und mittlerweile fast 4000.

Kirchen waren in der Vergangenheit mehr als nur Gotteshäuser. In ihnen fanden die Menschen Schutz vor Feinden, weswegen sie mehr Festungen und Burgen gleichen. Die berühmteste Kirchenburg steht in Tartlau. Zunächst standen die Oettinger aber vor verschlossenen Türen und hatten somit Zeit, sich etwas umzusehen. Genau gegenüber konnten sie an der Ruine der ehemaligen "Elementarschule" eine Inschrift entdecken, die besagt, dass im Jahr 1848 2296 Menschen zur evangelischen Gemeinde und davon 393 "schulfaehige Kinder" gehörten. Gleich neben dem traurigen Zeugnis einer besseren Vergangenheit steht ein wunderschön renoviertes typisch sächsisches Haus, mit dem Tradition in die Moderne hinübergerettet wurde. Den Verbindungen Pfarrer Sattlers war es schließlich zu verdanken, dass sich die Türen zur Kirchenburg doch noch öffneten und die Schüler die Wehrhaftigkeit der Anlage mit ihren vielen Kammern, in denen Vorräte eingelagert wurden, die Menschen bei Belagerung wohnten, arbeiteten und die Kinder zur Schule gingen, bestaunen konnten. So wie der Glaube den Mittelpunkt des Lebens der Menschen darstellte, so stand die Kirche auch im Mittelpunkt der ganzen Anlage. Luthers Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" ist wohl nirgends so deutlich fassbar und sichtbar wie in Siebenbürgen.
Die vielen Stände unterhalb der Törzburg mit allerlei Andenkenkrimskrams, die fast alle das Konterfei des vermeintlichen Grafen Dracula zieren, lassen erahnen, dass es hier vor allem um Geschäfte geht. Aber auch um Glauben, wenngleich auf eine andere Art, denn Schloss Bran, das Touristen als Draculaschloss präsentiert wird, war nie im Besitz des Vlad III. Drăculea. Da es jedoch sehr der Beschreibung der Dracula Burg im Roman von Bram Stoker ähnelt, hält man diesen Mythos gerne am Leben. Auch die Oettinger ließen sich davon gefangen nehmen und tasteten sich durch die engen, verwinkelten Gänge und Räume des vom Deutschen Ritterorden gegründeten Schlosses.

Viele Kartoffelsäcke auf den Feldern im Gebiet um Fogaras säumten den Weg der Gruppe nach Hermannstadt (Sibiu). Oft überholte der Bus die Pferdewagen, die die Säcke abtransportierten. Sie werden auf der modernen Autobahn um Hermannstadt aber keinen Platz mehr haben. Dass die Geschwindigkeit immer mehr die Oberhand gewinnt, beweist auch der moderne Flughafen der Stadt, an dem die A-E-Gler vorbeifuhren. Mit strahlendem Sonnenschein empfing die Kulturhauptstadt Europas 2007 die Gäste, die sofort von dem Charme und der Schönheit der Innenstadt mit dem Großen Ring als Zentrum eingenommen waren. Eine interessante Stadtführung brachte sie zu den sehenswerten Punkten wie der evangelischen Kirche, der Lie(ü)genbrücke oder der Stadtmauer mit den Zünfttürmen. Die meisten der Jugendlichen waren auch zum ersten Mal in einer orthodoxen Kirche und beeindruckt von dem Schmuck und der Pracht der Ornamentik. 
Überrascht waren die Schüler als sie erfuhren, dass es in Rumänien 18 eingetragene Minderheiten gibt, in Deutschland dagegen nur 2 und dass die Kinder am deutschsprachigen Bruckenthal Gymnasium in zwei Schichten unterrichtet werden, von 8 bis 14.00 Uhr die Klassen 9 bis 12 und dann bis 19.00 Uhr die jüngeren Schüler.

Einer der Höhepunkte der Reise war der Empfang im deutschen Generalkonsulat.  Gerneralkonsul Thomas Gerlach freute sich über den Besuch der jungen Gäste und darüber, dass das Albrecht-Ernst-Gymnasium schon seit soviel Jahren regelmäßig diese Fahrt anbietet um Schülern die reiche deutsche Kultur und Geschichte in Siebenbürgen nahezubringen. Bei vielen Deutschen ist dies noch eine Wissenlücke, stellte der Konsul fest. Er erläuterte die Aufgaben des Konsulates, die von der Hilfe bei verlorenen Papieren, über Erbschaftsangelegenheiten bis hin zur Betreuung von besonderen Gästen, wie z.B. der Bundeskanzlerin oder anderer hochrangiger Politiker und auch Künstler, reichen. Sehr interessiert zeigten sich die Jugendlichen auch an den Informationen zu den Anforderungen und Berufsmöglichkeiten im diplomatischen Dienst. Nach einer Stärkung bedankten sich Studiendirektor Günther Schmalisch und Pfarrer Paul Sattler für den freundlichen Empfang bei Konsul Gerlach, der eine Einladung zu einem Gegenbesuch am A-E-G gerne annahm.

Gewissermaßen eine Zusammenfassung der Reise in Geschichte und Gegenwart Siebenbürgens und Rumäniens bot der Besuch in Europas größtem Freilichtmuseum nahe Hermannstadt. Das Leben in den verschiedenen Regionen des Landes wird hier durch zahlreiche Gebäude und Gebrauchsgegenstände erfahrbar gemacht. So erfuhren die Schüler u.a. die verschiedenen Antriebstechniken vom Göpel über die Dampfmaschine bis zu heutigen Weiterentwicklungen, die Technik des Weinanbaus und -kelterns und die enge Verbundenheit der Menschen mit der Natur, die auch in den verschiedenen Baustilen und -techniken zum Ausdruck kommt, einer Natur, in der man während der ganzen Fahrt keine Biogas-, Windkraft- oder Solaranlage entdecken konnte. Man darf gespannt sein, wie lange das noch so bleiben wird.

Den großen Reichtum und die Vielfalt der Früchte, die das Land bietet, konnten die Oettinger vor der Abfahrt auf dem sehenswerten Wochenmarkt in Hermannstadt bestaunen, und sich für die Rückfahrt eindecken oder so manches köstliche Mitbringsel erwerben.

Die Sonne ging auf, als die Reisegruppe Rumänien erreichte, sie ging rotglühend unter als die Oettinger wieder das Land verließen, Einen passenderen Abschluss hätte es für diese eindrucksvolle Fahrt nicht geben können.

Die Reise in Bildern...