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Aus Fehlersuchern müssen Schatzsucher werden!

Es gab viel zu lachen und viel Nachdekenswertes beim Vortragsabend mit Jutta Wimmer

 

„Ich lade Sie ein, zuerst mal ihre Erwachsenenschuhe auszuziehen!“ Als einige sofort anfangen, an den Schubändern zu nesteln, schiebt Jutta Wimmer schnell ein „Nur mental!“, hinterher. Die Erwachsenenschuhe aus- und die alten Kinderschuhe wieder anziehen, so beginnt der ungewöhnliche Vortragsabend der Bildungsexpertin Jutta Wimmer in der Turnhalle des Oettinger Albrecht-Ernst-Gymnasiums. Zunächst aber betritt sie als 13jährige pubertierende Lisa die Bühne, genervt vom Schulalltag und den immer gleichen Fragen und Ermahnungen der Mutter, gestresst von der Fülle der Hausaufgaben und dem nicht zu erkennenden Sinn des Ganzen bleibt schließlich nur ein Ausweg um dem drohenden Prüfungsversagen zu entgehen: „Bauchweh“. In das herzhafte Lachen des Publikums mischen sich vielfach Sätze wie: „Das kenn´ ich“ oder „ Genauso ist es auch bei uns.“ Jutta Wimmer verwandelt den Saal in ein Klassenzimmer und der „Unterricht“, der dann folgt, spiegelt, manchmal in kabarettistischer Überzeichnung, die Realität, legt den Finger in längst bekannte, aber nicht behandelte Wunden und gibt wertvolle Tipps zu deren Heilung.  „Wo ist die Lernlust des ersten Schultags bei den Kindern geblieben?“, frägt sie zu Beginn, fordert in bester Lehrermanier zu gesteigerter Mitarbeit auf und droht: „Wenn einer Mist baut sind alle dran, damit das klar ist!“ Was folgt ist ein fast dreistündiger „Unterricht“ über die Tatsachen, die unseren Kindern die Lust am Lernen nehmen. Zehn dieser „Lernlustkiller“ hat Jutta Wimmer ausgemacht, fünf davon stellt sie an diesem Abend vor. Sie tut das mit einer perfekten Mischung aus Kabarett, sachlicher, wissenschaftlich fundierter Information und konkreten Tipps für Eltern und Lehrer. Die „Zuvielisation in den Lernplänen“ nennt sie als ersten Punkt. Diese übergroße Stofffülle provoziere ständig den Zustand des Halbfertigen, ein Zuviel an Hausaufgaben, ein zunehmend belastetes Familienleben und ein zu dünnes Erfolgskonto bei den meisten Kindern. Dabei motiviere nichts so sehr als der Erfolg, was aber vor allem das Notensystem mit seiner Selektionsfunktion allzu häufig verhindere. Helfen könne das „mini-max Prinzip“ ebenso, wie ein Erfolgstagebuch, in dem man Erfolge visualisieren könne. Die Lehrer fordert Wimmer auf wertschätzend zu korrigieren, nicht die Fehler hervorzuheben, sondern das, was das Kind kann, denn unser Schulsystem halte den Kindern nicht ihre Stärken, sondern ständig ihre Schwächen vor Augen.
„Wer beim Lernen lacht, der macht sich verdächtig“, aber für den Lernerfolg sei es unerlässlich, dass man „den Funken der Begeisterung zündet“. Stattdessen regiere zu oft der zweite Lernlustkiller Langeweile und fehlender Spaß in den Schulen. „Man muss Kinder so lernen lassen, dass ihre eigene Kreativität erlaubt ist.“
Um die Motivation der Kinder zu erhalten, muss man die Frage nach dem „Wozu“ beantworten können. Doch allzu oft herrsche der dritte „Lernlustkiller“ vor, „“die vergebliche Suche nach dem Sinn des Lernstoffes“.  „Gute Lehrer sind gute Geschichtenerzähler“, meint die Referentin, sie geben den Kindern Möglichkeiten für innere Bilder und beteiligen ihre emotionalen Zentren. „Wir müssen Kinder nach ihren Visionen fragen, sie brauchen Ziele, damit der Lernstoff Teil von etwas Größerem wird!“, fordert sie und rät Kindern mehr Verantwortung zu übergeben, denn „Verantwortung lernt man dann, wenn man sie übernimmt“ und häufiger die Schulnische mit ihrer „als-ob-Situation“ zu verlassen. Mit großem Eifer beteiligt sich das Publikum bei einer Demonstration verschiedener Mnemotechniken, mit der die Teilnehmer in wenigen Minuten den Artikel 3 des Grundgesetzes erlernten, wodurch sie ihre Mitarbeitsnote von anfänglich 4- auf 3+ steigern konnten. „Merken Sie sich alles was in diesem Raum rot ist“, forderte Wimmer dann die Anwesenden auf um nach einigen Sekunden die Aufgabe zu stellen: „Schreiben Sie auf, was blau ist, denn etwas Transfer muss schon sein!“ Es ist die Angst vor dem Versagen und schlechten Noten, die Jutta Wimmer als den nächsten Lernlustkiller darstellt. Ob in Lehrplänen, Schulbüchern oder Fragestellungen, wir Erwachsenen sind oft zu weit weg von der inneren Erlebniswelt der Kinder. „Durch unser Notensystem erreichen wir das Gegenteil von erfolgreichem Lernen.“ Stattdessen müsse man jedem Kind deutlich machen: „Du bist mehr wert als diese Zahl.“ Dass Stress und Angst Lernen verhindert, wisse man schon längst, „warum verbannt man dies dann nicht aus den Schulen?“ Oft sitze der Gegner im eigenen Kopf, meint Wimmer weiter. Es seien Glaubenssätze wie „Ich kann das nicht“, „Mädchen können kein Mathe“, die so stark wirken, dass sie dann auch einträfen. Ein ganz anderes Verhalten könne man aus dem Spitzensport lernen. Die berühmte Stecknadel hätte man hören können, als Jutta Wimmer die selbst erlebten Herzensgeschichten vorliest. Ergreifende Briefe von Eltern an ihre Kinder, in denen sie schreiben, was sie an ihren Kindern lieben. „Diese Eltern wurden von Kritikern zu Schatzsuchern“ und Jutta Wimmer gibt den Lehrern den Tipp: „Schreiben Sie sich zu jedem Kind drei positive Aussagen auf und vermitteln Sie diese ihren Schülern.“ Es müsse zur Chefsache werden, Kindern in ihren Zweifeln zu zeigen, wie sie über sich hinauswachsen können. „Wir müssen die Kinder bei dem erwischen, was sie gut können – wir müssen vom Fehlersucher zum Schatzsucher werden!!“, fasst Sie zusammen, bevor sie ihre Kollegin Luise Grips, eine Ärztin aus der Schweiz auftreten lässt. Sie ist Spezialistin für den häufig auftretenden Lernlustkiller „Procrastination“  oder „Morbus Aufschieberitis.“ Dass dieser auch unter Erwachsenen verbreitet ist, bewies eine Untersuchung der Ärztin im Zuschauerraum. „Quick Shitty Draft“, so lautet ein erfolgreich getestetes Gegenmittel, das die Anwesenden verschrieben bekamen. Man sieht, wer an diesem Abend nicht dabei war, hat eine Menge versäumt. Die dabei waren, haben ihr Kommen sicher nicht bereut, was der langanhaltende Applaus und die überaus positiven Reaktionen bewiesen. Schließlich hatten sich beim Notenschluss alle sogar noch zur 1+ hochgearbeitet, eine Zensur, die fraglos auch die Referentin verdient hatte.

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