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So ähnlich und doch so verschieden...

Unsere zweite Schülersprecherin Mira Vieting aus der Klasse 10b berichtet von ihrem Schulalltag während ihres 3-monatigen Englandaufenthaltes

 

So ähnlich und doch so verschieden...

… ist die Schule hier und in Deutschland. Das beginnt schon bei der Fächerauswahl, aber dass die meisten Schüler das Faulheitssyndrom besitzen und eher weniger als mehr tun, das ist wohl überall gleich. Die Schule, die ich besuche, heißt KSGS, Kirkby Stehpen Grammar School, und ist nicht humanistisch, sondern sportlich.

Ein gravierender Unterschied ist die Notengebung. Wo in Deutschland ständiger Notendruck herrscht ist hier Gelassenheit angesagt. Denn im Unterricht werden keine Noten gemacht, die gibt es nur auf Examen und in sog. „Contolled Assesment“ (das ist so viel wie ein Projekt im Unterricht, das dann benotet wird, aber es ist genau festgelegt, wann es ist und was zu erledigen ist). Ich denke, es hat beides Vor- und Nachteile, weil wir nämlich die Möglichkeit haben, unsere schriftliche Leistung durch mündliche Leistungen im Normalfall zu verbessern, bzw. auszugleichen, was hier nicht der Fall ist. Andererseits stehen hier die Schüler im Unterricht nicht unter Druck und alles wirkt viel natürlicher und ungezwungener. Die Notengebung an sich ist hier auch anders ist. Das Beste ist ein A*, dann kommt A, B, C, D, E, F, G und danach kommt, als Schlechtestes, U. A* bis C ist bestanden, alles, was darunter ist, ist nicht bestanden und man hat die Prüfung zu wiederholen, solange bis man sie besteht. Das kostet jedesmal mal etwas, so dass man nicht „freiwillig“ durch die Prüfung fällt. Sitzenbleiben im deutschen Sinne kann man also nicht und das ist meiner Meinung nach ein immenser Vorteil, weil alle die gleichen Chancen haben und die Schüler nicht so in Schubladen gesteckt werden.

Auch beginnt der Unterricht nicht mit Gebet und jede Stunde mit aufstehen und begrüßen, sondern es geht einfach los. Da stört es bei mir in der Oberstufe, wo sowieso alles etwas lockerer genommen wird, auch nicht, wenn man mal ein paar Minuten (oder auch ein paar mehr) zu spät kommt. Sei man Schüler oder Lehrer. Ein weiterer genereller Unterschied ist die Einteilung des Tages. Es ist nämlich so, dass – wie man ja immer hört und lernt – der Schultag von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags geht. Deshalb gibt es auch eine Kantine, wie es sie in Deutschland an den meisten Universitäten gibt, nur wesentlich kleiner, die die Schüler in der Pause und Mittagspause mit Essen versorgt. Denn eine Gemeinsamkeit gibt es: Offiziell ist es den Schülern auch erst ab der 10. Klasse erlaubt, dass sie in die Stadt gehen. Außerdem dauern die einzelnen Schulstunden auch 60 Minuten und es gibt jeden Tag 5 solcher Stunden. Da ist eine Doppelstunde aber schon echt eine Herausforderung, weil die wenigsten Lehrer eine Pause dazwischen machen. Soweit ich weiß, sind Doppelstunden aber auch eher eine Ausnahme. Mein Stundenplan sieht so aus:

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Englisch

Medien

 

Medien

 

 

Mathe

 

 

Mathe

Pause

Pause

Pause

Pause

Pause

Musik

 

Musik

Musik

Mathe

Musik

 

Englisch

Mathe

Medien

Mittagspause

Mittagspause

Mittagspause

Mittagspause

Mittagspause

 

Tutorial

Sport

Englisch

 

Nur zur Erklärung: Medien ist ein Fach, das ich sehr toll finde und auch gerne bei uns hätte. Man lernt zum Beispiel, wie ein professioneller Film gedreht wird und was dabei alles für Arbeitsschritte anfallen. Das Ganze wird dann auch umgesetzt, indem die Schüler den Anfang eines Horrorfilms selbst drehen und all ihre Arbeitsschritte auf einem Blog aufführen müssen, so dass man sie genau nachverfolgen kann.

Insgesamt glaube ich, dass die Fächervielfalt zwar in Deutschland höher ist (hier gibt es nur Spanisch als Fremdsprache und das ist auch nur ein Wahlfach). Aber dafür werden hier die Themen detaillierter und ausführlicher behandelt. Das fällt mir vor allem in Mathe auf, wenn wirklich bis ins Letzte erklärt wird, warum etwas so und so funktioniert und warum eine Formel genau so sein muss. Ohne jemanden beleidigen zu wollen, muss ich sagen, so tiefgründig wird das bei uns meistens nicht unterrichtet. Aber gerade letzten Freitag hatte ich das Gefühl, dass dann doch die Unterschiede nicht so gravierend sind. Meine Musiklehrerin nämlich ist nächste Stunde nicht da und hat uns Arbeitsaufträge zum selbstständigen Arbeiten hinterlassen. Das kam mir dann schon sehr bekannt vor. Musik als Fach ist hier auch etwas anders fokussiert. Die Schüler lernen ab der 7. Klasse selbst zu komponieren und den Grundumgang mit einem Keyboard, das an jedem Tisch steht. Der Fokus liegt also weniger auf der Geschichte, sondern eher auf dem eigenen, kreativen Musizieren, das mit Hilfe von Werken von bekannten Komponisten, die genau analysiert werden, erlernt wird. Mir macht das sehr viel Spaß, vor allem weil wir mit mir auch nur eine Gruppe von fünf Leuten sind.

Verschiedene Schularten gibt es hier nicht und die Vorgabe ist, dass jeder bis zum Vollenden des 18. Lebensjahrs in die Schule gehen muss, außer man bekommt einen Ausbildungsplatz in einem College. Dann kann man nach dem sog. GCSE = General Certificate of Secondary Education (d. h. nach der 11. Klasse) die Schule verlassen und eine Ausbildung zusammen mit einer Arbeitsstelle beginnen. Das ist dann so in meinem Alter und ich denke mit einem Realschulabschluss vergleichbar. Dass es nach der 11. Klasse ist, hängt mit der früheren Einschulung mit vier Jahren zusammen. Geht man jedoch weiter zur Schule, kommt man in die Sixth Form = Oberstufe und kann - wie bei uns - einige Fächer wählen. Das führt auch dazu, dass man – auch wie bei uns – einiges an Freistunden hat, in denen man Hausaufgaben erledigen oder für Prüfungen lernen kann. Nach der 12. Klasse legt man dann noch ein Fach ab, um Zeit zu haben sich auf seine Unibewerbung zu konzentrieren. Wie das genau funktioniert, habe ich noch nicht verstanden. Nur dass es für manche Fächer auch einen NK gibt, das weiß ich. Das engl. „Abitur“ besteht man immer. Die Frage ist nur wie gut und ob es reicht, einen der meistens eher wenigen Studienplätze zu bekommen.

Auch Lehrer-sein ist anders: Die Klassen haben nämlich keine Klassenräume, sondern die Fächer und ein Mathelehrer, beispielsweise, ist dann den ganzen Tag in seinem Matheklassenzimmer, das dann aber auch dem entsprechend gestaltet ist, so wie bei uns das in den Naturwissenschaften schon der Fall ist; hier ist das nur noch extremer… Außerdem werden schriftliche Arbeiten nicht von den Lehrern korrigiert, sondern weggeschickt und von externen Mitarbeitern des Ministeriums, die extra dafür angestellt sind, korrigiert, was dann auch locker mal drei Monate bis zur Rückgabe dauert. Klingt doch eigentlich sehr gechillt. Aber die Unterrichtsvorbereitung ist dann doch teilweise etwas anders. Ich kann das schwer beschreiben, aber in Englisch beispielsweise, behandeln 2 Leute ein Thema, 2 andere ein anderes. Und so geht das immer weiter; bei 9 Leuten. Und immer bekommt jeder für sich speziell Textquellen, Arbeitsaufträge oder „Einzelunterricht“. Die Kursgröße in der Sixth Form variiert zwischen 4 bis zu ca. 21 Leuten (in Sozialkunde). Die unteren Klassen haben so um die 25 Schüler und die Schule insgesamt ca. 400 Schüler.

Aber mir kommt es nicht viel weniger vor, als bei uns, weil sich in der Schuluniform alle so ähnlich sehen. Die Schuluniform meiner Schule ist nicht sehr vornehm, aber gerade deshalb mögen sie viele Schüler. Vorgabe ist eine schwarze Stoffhose oder schwarzer Rock mit dunkler Leggins, ein Pullover, dunkelblau mit dem Logo der Schule und ein Poloshirt mit Logo der Schule. Das ist von den Klassen 7-9 türkis und für die Klassen 10 und 11 in dem gleichen blau wie der Pullover. Für den Sportunterricht gibt es auch ein extra, vorgeschriebenes Outfit (bis hin zu den Socken!). In der Oberstufe gibt es eigentlich keine Vorschriften mehr. Es wird nur so einiges nicht gerne gesehen, zum Beispiel zu viel Make-up oder Jeans, aber das stört die wenigsten. (Das mit dem Make-up oder auch viel Schmuck stört auch in den niedrigen Klassen nur die wenigsten). Es ist also alles nicht ganz so strikt, wie ich es erwartet hatte oder es mir vielleicht auch vorgestellt habe. Das gilt aber definitiv nicht für alle Schulen! Ich persönlich finde Schuluniformen eine sehr angenehme Erfindung, weil man sich als Großes, Ganzes fühlt und nicht jeden Morgen überlegen muss, was man anziehen will. Seinen individuellen Stil kann man ja auch am Wochenende oder nach der Schule ausleben.

Die berühmten Assemblies gibt es hier auch. Aber was uns in Film und Fernsehen so toll erscheint, ist eigentlich ziemlich simpel und - wie ich finde – ziemlich nützlich. Es sind sozusagen Klassensprecherversammlungen, nur effektiver, weil alle Schüler daran teilnehmen und so auch alle die Chance haben, aus erster Hand zu erfahren, was so schulintern ansteht und in der Welt passiert. Das finde ich übrigens sehr gut, dass nämlich da auch mal Themen wie neue Medien (oder konkreter: Handys in der Zukunft) angesprochen werden. Die meisten englischen Schüler, die ich so gefragt habe, finden die Assemblies aber einfach nur langweilig und überflüssig.

Die technische Ausstattung ist mit unserer vergleichbar. Die Computer haben zwar alle Windows 7 und man braucht keine Karten, sondern nur Benutzername und Passwort, um sich anzumelden, aber IPads gibt es nicht und einen Medienraum auch nicht. Aber das ist auch nicht nötig, weil eh jeder Raum einen Beamer und Computer hat. Über diese läuft auch die Absenzenregelung; die Registrierung derjenigen Schüler, die sich gerade in der Schule befinden. Das Ganze wird zwei Mal täglich, einmal vor Unterrichtsbeginn und einmal nach der Mittagspause, gemacht. Ich muss aber jeweils beim Betreten und dem Verlassen der Schule zur Rezeption gehen und Bescheid sagen, weil ich im Schulsystem nicht registriert werden kann. Im Falle eines Feuers muss aber trotzdem klar sein, ob ich mich gerade in der Schule befinde oder nicht. Was es nicht gibt – und das ist meiner Meinung nach ein großer Nachteil – ist eine Vorrichtung, um Durchsagen zu machen. Dafür gibt es aber bedeutend mehr Mitarbeiter, die dann halt einzeln durch die Klassen laufen. Die Direktorin hat eine persönliche Assistentin, es gibt zwei Mitarbeiter extra für die Finanzen und noch einige mehr, die, wenn sie jetzt am AEG eingestellt würden, erstmal ziemlich schräg und misstrauisch angeschaut würden, weil es einfach kurios ist, für was man alles Mitarbeiter haben kann. Außerdem ist die Schulglocke hier eindeutig zu schrill. Ich erschrecke jedesmal, wenn es läutet (auch nach knapp 4 Wochen noch!).

Ein letzter Punkt, den ich jetzt weder als Unterschied, noch als Gemeinsamkeit zählen möchte, sind die Ausflüge. Wandertage gibt es nicht, aber dafür jedes Jahr eine Projektwoche in der zum Beispiel ein Theaterstück jahrgangsstufenübergreifend einstudiert wird. Klassenfahrten gibt es auch, aber die meisten sind sehr teuer. Einwöchige Austausche – wie bei uns mit Portugal oder Frankreich – gibt es in England, glaube ich – generell - selten, was den Preis ja auch nochmal steigert.

Mira Vieting

Bilder...

Liebe Mira, vielen Dank für deinen interessanten und ausführlichen Bericht. Wir wünschen dir noch eine erlebnisreiche Zeit in England.