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Geschichte(n) aus erster Hand

DDR-Zeitzeuge Siegfried Wittenburg referierte am A-E-G

 

Zeitzeugen stellen eine wichtige Ergänzung des Geschichtsunterrichts dar. Sie erzählen aus einer ganz persönlichen Sicht Geschichte(n) und verdeutlichen so die Notwendigkeit sich zu erinnern aus ihrer eigenen Lebenswelt.

Der Direktor des Albrecht-Ernst-Gymnasiums, StD Günther Schmalisch, führte mit Hinweis auf den hohen Stellenwert der friedlichen Revolution von 1989 den Vortrag von Siegfried Wittenburg ein. Gleichzeitig wies der Schulleiter darauf hin, dass für uns und besonders für die jüngere Generation Werte wie Meinungsfreiheit, Rechtssicherheit und freie Wahlen oft selbstverständlich geworden sind. Dies habe leider oft auch den Nebeneffekt, dass diese Werte scheinbar an Bedeutung verlieren.
Der in der DDR aufgewachsene Photograph Siegfried Wittenburg griff diesen Gedanken auf und zeigte an aktuellen Beispielen wie dem Brexit, aber auch an Pegida und der AfD, wie besorgniserregend heutzutage mit Grundwerten und Grundrechten umgegangen wird. „Mit 38 Jahren konnte ich das erste Mal an freien Wahlen teilnehmen“, erklärte Wittenburg und zeigte damit eindrucksvoll die Bedeutung der Wahl.
Ausgehend von der Biografie seines Vaters und von seinem eigenen Lebenslauf zeigte der Redner anschaulich und persönlich-subjektiv, dabei aber nie die objektive-faktische Geschichte außer Acht lassend, wie sehr Ideologie und Realität in der DDR auseinander klafften. Geschickt stellte er historische Zitate von Chrustschow, Ulbricht und Honecker seinen Fotografien gegenüber und zeigte so den Schülern, ohne noch viel erklären zu müssen, auf, dass das „Leben in einer Utopie“ nicht ansatzweise der Propaganda entsprochen hat.
Wittenburg eckte oft mit seinen Fotografien an, da sie das Leben in der DDR so zeigten, wie es tatsächlich war. Graue Plattenbauten, verfallende Industriebetriebe, aber auch lächelnde Brautpaare und glückliche Kinder. „Dafür, dass die Kinder glücklich waren, haben die Eltern gesorgt – nicht der Staat.“ Mit dieser Aussage deckte der Referent erneut eine Propaganda-Lüge des Regimes auf. „Postfaktisch“ hieße das neudeutsch.
Wittenburg hat sich das Fotografieren selbst beigebracht. Er erklärte in seinem Vortrag auch wieso. Als er sich mit 25 Jahren bei einer Hochschule einschreiben wollte, wurde ihm gesagt: „Eigentlich brauchen wir junge Leute, die wir noch formen können.“ Aber genau das wollte er eben nicht. Kein Wunder, dass er mit seinen ehrlichen Fotografien von den Behörden immer argwöhnisch beäugt wurde.
Insgesamt gelang es Siegfried Wittenburg eindrucksvoll, durch die gelungene Kombination von ganz privaten Erlebnissen und Erfahrungen, historischen Fakten und Zitaten und aktuellen Problem- und Fragestellungen, die Schüler zu packen und Ihnen die Bedeutung von Demokratie und Republik begreiflich zu machen.

Bettina Sieben