Sie sind hier: Startseite / News / Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander

Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander

Das P-Seminar Theater inszenierte Dürrenmatts Komödie "Die Physiker"

Genie und Wahnsinn liegen oft dicht beieinander. Das P-Seminar Deutsch Q12 präsentierte dem Publikum in der vollbesetzten Aula mit einer bemerkenswerten Inszenierung des Stückes „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt einen Beleg für den Wahrheitsgehalt dieser Beobachtung.

Das Stück will die Gefahren aufzeigen, die von wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgehen, wenn sie in falsche Hände geraten. Anfangs der 60er Jahre entstanden, war das Werk vor allem in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf nahezu allen Bühnen vertreten. Der kalte Krieg, die atomare Aufrüstung bewegte die Massen. Beides hat sich mittlerweile zum Glück gewandelt, andere Themen zur Rolle der Wissenschaften beherrschen die Diskussionen. Auf dieser Ebene behält das Stück seine Aktualität und der Erfolg der Aufführung am A-E-G lag auch darin, dass es den Akteuren gelungen ist, mit den Möglichkeiten eines Laienensembles diese herauszuarbeiten, ohne sich dabei zu überfordern. Bewusst verzichteten sie auf eine vordergründige Modernisierung. Auch bei der Besetzung der Rollen bewies Regisseurin Ruth Gruber-Stöcklein ein gutes Gespür, die richtigen Personen an den richtigen Platz zu setzen. So auch bei den drei berühmten Physikern, die, angeblich verrückt, in einer Irrenanstalt leben. Michael Götz bewies als genialer Johann Möbius beeindruckende Bühnenpräsenz. Seine leidenschaftliche, von quälender Hoffnungslosigkeit geprägte Darstellung der Offenbarung des König Salomos war sicher der Höhepunkt des ersten Aktes. Mit großem schauspielerischen Talent brillierte Oliver Poplawsky als Newton. Mit seiner Gestik und Mimik, seinem natürlichen Witz, sorgte er nicht nur für die Lacher, sondern erntete oft auch Szenenapplaus. Stefan Oppel als Einstein hatte erst im zweiten Akt seinen großen Auftritt und wusste sich da hervorragend in Szene zu setzen. Auch Anne Sonnenfroh füllte die Rolle der unnahbar und gefühlskalt wirkenden Anstaltsleiterin Dr. Fräulein von Zahnd glänzend aus. Sie erweist sich zum Schluss als die eigentlich Wahnsinnige und macht das Abgebrühte, Zynische und wirklich Böse, um das es in dem Stück geht, auch durch die Veränderung der Frisur, zunehmend sicht-, hör- und spürbar.

Als die Pflegeschwestern erkennen, dass die Verrücktheit der drei Wissenschaftler nur gespielt ist, werden sie nacheinander von ihnen ermordet. Beatrice Berg hat als heiratswillige Schwester Monika am Ende des ersten Aktes zwar nur einen kurzen, dafür um so überzeugenderen Auftritt.

Ist im ersten Akt die Dialogführung des Autors eher schleppend und teilweise langatmig, gewinnt die Inszenierung im zweiten Teil schließlich an Rasanz und Spannung:

Er beginnt wie der erste, eine Leiche wird gefunden und das Problem für Inspektorin Voß ist wieder das gleiche, der Täter ist bekannt, man kann ihn nicht verhaften, es gibt nichts zu ermitteln. Constanze Laznicka bildet im an Inspektor Columbo erinnernden Trenchcoat, rauchend und gelangweilt immer die gleichen Aufträge verteilend einen kühlen Gegenpart zu dem nun zunehmend vor Leidenschaft glühenden Möbius.

Das Geheimnis der Physiker lüftet sich. Alle drei sind Simulanten. Möbius spielt aus moralischen Gründen den Irrsinnigen, die beiden anderen aber sind von ihren Regierungen (einer westlichen und einer östlichen) ausgesandte Geheimdienstagenten, die um jeden Preis in den Besitz der Möbiusschen Formeln, die zur Auslöschung der Menschheit führen können, gelangen sollen.

"Entweder löschen wir uns im Gedächtnis der Menschen aus, oder die Menschheit erlischt." Alle ziehen schließlich die Anstalt der Realität vor. Sie wollen ihr Genie nicht länger in den Dienst der Politik stellen und entwickeln eine ethische Verantwortung für die Menschheit, denn "in der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff."

Zu spät, Dr. von Zahnd, hat Möbius' Manuskripte bereits kopiert. Die grandiose, groteske Schlussszene macht deutlich: Sie ist die einzige wahrhaft Verrückte, die sich anschickt, nach der Weltherrschaft zu greifen. „Die Rechnung ist aufgegangen“, spricht sie den letzten Satz des Stückes. Die Welt steht vor dem Nichts.

Mit langanhaltendem Applaus dankte das begeisterte Publikum den jungen Akteuren für die beeindruckende Inszenierung und ihre ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen.

Zu den Bildern...