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Gastfreundschaft hier, grausamer Brudermord da

Schüleraustausch Deutsch-griechische Theaterzusammenarbeit vor antiker Kulisse

„Die Griechen verstehen uns eh nicht!“ – Um herauszufinden, ob dem wirklich so ist, machten sich im Rahmen des Schüleraustausches der neunten Klassen 36 Schüler des Albrecht-Ernst-Gymnasiums Oettingen (A-E-G) zusammen mit drei Lehrkräften auf den Weg nach Griechenland. Ein gemeinsam inszeniertes Theaterstück und die Gastfreundschaft der Griechen zeigten, wie leicht Ländergrenzen überwunden werden können.

Nach der Ankunft am 1. Lykeum in Egio, einem Oberstufengymnasium, fanden in den folgenden Tagen Proben für das von beiden Schulen erarbeitete Theaterstück „Die Phönizierinnen“ des Euripides statt, wobei auf deutscher Seite neben den Neuntklässlern auch einzelne Schüler anderer Klassen beteiligt waren. Durch Internetkontakte waren etliche Details im Vorfeld abgeklärt worden und der Regisseur der Griechen, Epaminondas Doulos, und Klaus Karrer (Organisation und deutsche Regie) zeigten sich bei der inzwischen dritten Zusammenarbeit als eingespieltes Team. Harmonisch vereinte sich auch die griechische Musik von Takis Spiliopoulos mit den deutschen Stücken aus der Feder von Lehrer Jürgen Sellnow und den Schülern Anika Schülein und David Schröter. Dafür sorgte nicht zuletzt Timm Schauen, der die musikalische Leitung in Griechenland innehatte. So konnten am Nationalfeiertag in Egio die „Phönizierinnen“ vor etwa 200 begeisterten Zuschauern aufgeführt werden. Die gegenseitige Integration der Schüler in die Tänze der anderen gelang dabei reibungslos. Anika Schülein (15), im Rahmen eines P-Seminars bei Jürgen Sellnow an der Entwicklung der Choreographien beteiligt, zeigte sich zufrieden: „Obwohl wir vorher noch nie orientalisch getanzt haben, hat es nach einem Workshop gut geklappt. Ich würde auf jeden Fall wieder mitmachen!“
Nicht nur mit Gesang und Tanz, sondern auch mit hervorragendem schauspielerischem Können holten die Darsteller die Tragödie um den Brudermord der Söhne des Ödipus authentisch auf die Bühne. Daher blickt Klaus Karrer stolz auf die Schüler: „Wir wollten mit der Zusammenarbeit sehen, was jeweils aus den altgriechischen Worten gemacht wird – das Ergebnis ist super!“ Auch kurzfristige Änderungen bereiteten keine großen Probleme, da einige Schüler schon aus den Vorjahren Erfahrung hatten. Zu diesen Schülern zählte auch Simeon Rodrian (16), der in diesem Jahr als Polyneikes einen der mordenden Brüder und in der Band Cello spielte: „Anfangs war es musikalisch etwas schwierig – der Chor war zu leise und die Instrumente kamen erst verspätet an. Aber letzten Endes haben wir das Stück routiniert und mit Spaß aufführen können!“
Neben dem Theaterprojekt besuchten die Schüler auch historische Stätten wie etwa Olympia, wo sich einige im antiken Stadion im Wettlauf maßen, wobei Klaus Karrer als Lehrervertreter das Nachsehen hatte. In Delphi faszinierte der völlig dunkle Geheimgang unter dem Apollontempel. Nachdenklich stimmte der Besuch des Gebirgsdorfs Kalavryta, wo 1943 alle männlichen Einwohner durch die Nationalsozialisten hingerichtet wurden. Doch der etwa zehn Kilometer lange Fußmarsch auf den Schienen der Schmalspurbahn von Kalavryta in Richtung des Klosters Mega Spileon brachte die Jugendlichen wieder auf andere Gedanken, auch wenn manche „Abkürzung“ dann doch länger dauerte als geplant. Die Füße kühlen konnte man dann bei meist gutem Wetter im – für die Einheimischen noch zu kalten – Meer. Den Abschluss nach einem Abschiedsabend bildete am Abflugtag der Besuch der Akropolis in Athen, wo noch einmal die griechische Antike Gestalt annahm.
Mit Abschiedstränen machten sich die Oettinger wieder auf den Heimweg – im Gepäck: etliche neue Erfahrungen, abgebaute Vorurteile, viele schöne Erinnerungen und das Versprechen, im Juli die Griechen bei ihrem Besuch in Deutschland genauso gastfreundlich aufzunehmen, wie es die Deutschen erfahren haben. Die Oettinger Schüler fiebern jetzt der Theateraufführung im Juli am A-E-G entgegen, bei der die Griechen natürlich wieder mit von der Partie sein werden. Vielleicht sind bis dahin auch die letzten Blasen verschwunden…


Sylvia Anslinger

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