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Siebenbürgen-ein Land im Aufbruch!?

Eine Schülergruppe aus den 9. Klassen erlebte eine unvergessliche Woche in Siebenbürgen.

 

Fast 200 Jugendliche des Albrecht-Ernst-Gymnasiums haben in den vergangenen fünf Jahren Siebenbürgen bereist und dabei im wahrsten Sinne des Wortes Neuland betreten. Wie bedeutend dieser Landstrich im fernen Rumänien für die deutsche Geschichte und auch Kirchengeschichte ist, war ihnen bisher nahezu völlig unbekannt. Pfarrer Paul Sattler, der selbst aus Siebenbürgen stammt, ist es zu verdanken, dass am A-E-G die Geschichte Siebenbürgens ins Bewusstsein aller gerückt wurde und sich Jahr für Jahr eine Schülergruppe zur von ihm stets bestens organisierte Studienfahrt nach Rumänien aufmacht. So auch in diesem Schuljahr, zum ersten Mal im Herbst. Die 28 Schülerinnen und Schüler erlebten zusammen mit Paul Sattler und Günther Schmalisch neben einer überwältigenden Landschaft ein Land, das sich deutlich im Aufbruch befindet.
Schon die 20stündige Anreise spiegelte die Geschichte Siebenbürgens wider, das bis 1918 Teil des Königreichs Österreich-Ungarn war. Deshalb gehört ein Halt vor Schloss Schönbrunn in Wien ebenso zum festen Programm wie der beeindruckende Spaziergang durch das nächtliche Budapest, entlang der Donau, in der sich die Lichter der Stadt spiegeln, durch die zu dieser Zeit fast menschenleere, weltberühmte vaci utca und über die mächtige Kettenbrücke.
Anschließend ging die Fahrt weiter in Richtung rumänischer Grenze, die die Gruppe im Morgengrauen erreichte. Dort, wo vor Jahrzehnten noch kein Durchkommen war, streng dreinblickende Grenzbeamte während stundenlangem Wartens oft genug ihre Macht demonstrierten, ist die Einreise nun nahezu ohne Verzögerung und unbehelligt möglich.
Bei aufgehender Sonne erlebten die Reisenden das langsam erwachende Leben in den Dörfern, bis sie schließlich ihre erste Station, das im 13. Jahrhundert von deutschen Siedlern erbaute Klausenburg erreicht hatten. Stadtführerin Kincsö Balogh führte sie auf die Zisterne, von wo aus sie hoch über dem Ort einen herrlichen Blick über die viertgrößte Stadt Rumäniens genießen konnten. Klausenburg gilt heute als Zentrum der Kultur der ungarischen Minderheit, wie die Jugendlichen vor dem Geburtshaus von Matthias Corvinus, König von Ungarn erfuhren. Die Geschichte der Stadt konnten die Schüler auch an den Gebäuden ablesen. Immer wieder stehen Häuser aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie unmittelbar neben Plattenbauten aus der kommunistischen Zeit und modernen Glaspalästen.
Seine überwältigende Schönheit breitete das Land immer wieder vor den Reisenden auf der Weiterfahrt nach Kronstadt aus. Herrliche Ausblicke über weiche grüne Hügel, mit grasenden Schafherden, dunkle Wälder, eine unberührte Landschaft mit naturbelassenen Bächen und Flüssen, keine Monokulturen auf riesigen Äckern, sondern kleine Felder, auf denen meist noch mit viel Handarbeit, Pferden oder kleinen Traktoren unterschiedlichen Früchte geerntet werden. Das ganze erblickt man von einer ganz hervorragend ausgebauten Straße, an deren Rand Restaurants und Hotels wie Pilze aus dem Boden schießen und schon so manche Bauruine von übertriebenen Erwartungen zeugt.
Eine erste Begegnung mit „Dracula“ erlebten die Oettinger im einzigartigen historischen Zentrum von Schäßburg, das seit 1999 zum Unesco Weltkulturerbe zählt. Im Schatten des weithin sichtbaren Stundturmes soll Vlad III. Drăculea, der Pfähler eine zeitlang gewohnt haben. Viel bedeutender aber ist die Bergkirche, zu der die Gruppe über die 176 Holzstufen der Schülertreppe aufstiegen. 2004 wurde das Gotteshaus als bestrestaurierte Kirche in Europa ausgezeichnet. Sie beherbergt zahlreiche wertvolle Altäre aus den umliegenden Kirchen und mit einer Abbildung des Heiligen Geistes mit weiblichem Angesicht eine Besonderheit, die es nur zwei Mal in Europa gibt. Ein besonderes Erlebnis wurde Günther Schmalisch beschert, er durfte auf der Orgel der Bergkirche spielen.

Auf dem Schulberg unterhalb der Kirche kamen die Schüler am Josef-Haltrich-Lyzeum vorbei. In diesem Gymnasium der deutschen Minderheit ging auch Pfarrer Sattler zur Schule und legte dort sein Abitur ab.

Als die Karpaten am Horizont auftauchten war Kronstadt, die nächste Station nicht mehr weit. Am Fuß der mächtigen Berge liegt die vom Deutschen Ritterorden gegründeten Stadt, die die Schüler mit Stadtführerin Mirela Kulin erkundeten.

Mächtig wie die Berge dominiert die berühmte Schwarze Kirche das Stadtbild. Im größten Kirchenbau Südosteuropas bestaunten die Jugendlichen vor allem die 113 äußerst wertvollen osmanischen Gebetsteppiche, die von Kaufleuten zum Dank für ihre glückliche Rückkehr von Handelsreisen gespendet wurden. Durch die engste Gasse Kronstadts, die Schnurgasse, ging es zur Weberbastei, die mit ihren gewaltigen Holzwehrgängen von der Verteidigungskraft früherer Tage zeugte.
Diese erahnten die Schüler auch beim Besuch der bekannten Kirchenburg in Tartlau. Mit vielen Vorrats- und Wohnkammern und sogar einer Schule ausgestattet, bot sie der Bevölkerung bei Belagerungen durch Feinde oft über Wochen und Monate wehrhaften Schutz.


Über mittlerweile hervorragend ausgebaute Straßen führte die Fahrtroute dann zur dritten Station der Reise, nach Hermannstadt. Zuvor allerdings machten die Oettinger noch einen Abstecher zur berühmten Törzburg. Hoch auf einem steilen Felsen thront die als Draculaschloss präsentierte Burg, obwohl Vlad III. Drăculea höchstens eine Nacht hier verbrachte, aber sie gleicht sehr der Beschreibung von Draculas Burg aus Bram Stokers berühmten Roman.

Am Stadtrand von Kronstadt ebenso wie in Hermannstadt beherrschen riesige Einkaufszentren westlicher Firmen das Bild, dazwischen liegen Dörfer, in denen das Leben immer noch wie vor vielen Jahrzehnten geführt wird. Während die Fußgängerzonen in den Städten wahre Schmuckkästchen darstellen und moderne Cafés und Restaurants zum Verweilen einladen, erlebt man auf dem Land meist den Kontrast, gleichzeitig stimmt die spürbar größere Gelassenheit, die fehlende Hektik, auch das Mehr an Miteinander z.B. bei der Arbeit auf den Feldern doch nachdenklich. Bedeutet die scheinbare Rückständigkeit in diesen Punkten nicht vielleicht doch eher Fortschritt?

Einen großen Fortschritt jedenfalls hat das Land sicherlich in der Beseitigung des riesigen Müllproblems gemacht. Waren Mülltonnen vor ein, zwei Jahren noch eine Rarität, gehören sie jetzt zum normalen Alltag wie auch die organisierte Müllabfuhr, und der Flut an Plastikmüll an den Straßenrändern wurde deutlich reduziert.

Hermannstadt, die heute vielleicht schönste und bedeutendste Stadt Siebenbürgens, bildete die letzte Station der Reise. Alexander Sonok, Direktor am Bruckenthal-Museum vermittelte den Schülern im Rahmen einer Stadtführung Wichtiges zur bewegten Geschichte und den Sehenswürdigkeiten Hermannstadts, in der die Oettinger auf den Straßen soviel Deutsch hören konnten, wie sonst in keiner anderen Stadt. Immerhin regiert seit dem Jahr 2000 mit Klaus Johannis ein deutscher Bürgermeister die Kulturhauptstadt Europas 2007.

Es gehört zum Charakter dieser Reise, dass die Schüler das für sie unbekannte Land nicht nur erfahren, sondern möglichst auch erleben. So zum Beispiel beim Gang über den durch seine unglaubliche Vielfalt weithin bekannten Wochenmarkt in Hermannstadt, auf dem sich meist Familien oder RentnerInnen mit Selbstgeerntetem ein Zubrot zum geringen Einkommen oder der kärglichen Rente verdienen. Und was man alles für eine siebenbürgische Brotzeit braucht, findet man natürlich dort auch. In der Unterkunft ließen es sich dann einige Schüler zusammen mit ihren Begleitlehrern bei frischem Schafskäse, köstlichem Speck, roten Zwiebeln, Tomaten und frischem Brot so richtig gut gehen.
So gestärkt ging es dann am letzten Tag in das weltweit größte Freilichtmuseum, das durch seine Vielfalt an Ausstellungsobjekten einen interessanten Einblick in die Lebensweise der Menschen in den verschiedenen Regionen des Landes ermöglicht. Auch das auf dem 10 Lei Schein abgebildete Haus findet sich dort, und die Oettinger nutzen dieses Motiv natürlich für ein Gruppenfoto.
Den Herkunftsort des Schafskäses, den sie am Vorabend genossen hatten, konnten die Schüler dann bei der Fahrt durch das rumänische Hirtendorf Rășinari erkunden. Enge verwinkelte Gassen charakterisieren den Ort. Ganz anders dagegen Michelsberg, ein typisches Dorf der Siebenbürger Sachsen, das sich durch Weite und auch die Bauweise der Häuser deutlich unterscheidet.
Sind es einerseits die riesigen modernen Einkaufszentren, Fabriken und Autohäuser der westlichen, auch deutschen Firmen, die die Stadtränder dominieren, charakterisieren andererseits die vielen, wohl für immer geschlossenen Fensterläden und manches einst stattliche, aber nun verlassene und langsam verfallende Anwesen der ausgewanderten Siebenbürger Sachsen den Umbruch, in dem sich dieses Land befindet.
Die Oettinger entdeckten während ihrer Reise zahlreiche Anzeichen, die auf einen Aufbruch hindeuten. Fraglich bleibt nur, ob die vielen, vor allem in den Dörfern immer noch in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Menschen, auch Anteil daran bekommen oder am Ende die Verlierer der neuen Zeit sein werden.
Die im wahrsten Sinne des Wortes eindrucksvolle Reise durch das Siebenbürger Land und ein wichtiges Kapitel deutscher und europäischer Geschichte war nun zu Ende und die lange Rückreise stand bevor, Gelegenheit, die vielen Erlebnisse und Beobachtungen zu sortieren und noch einmal Revue passieren zu lassen.

 

Die Reise in Bildern.....