Sie sind hier: Startseite / News / Reisetagebuch der Studienfahrt in Siebenbürgen

Reisetagebuch der Studienfahrt in Siebenbürgen

Drei Weltstädte in einer Nacht - Auf den Spuren von Hermann Oberth - In der Wall Street des Mittelalters - Reise in die Vergangenheit - Spaziergang durch die Geschichte Rumäniens

 

Bereits zum zehnten Mal machten sich Schülerinnen und Schüler aus den 9. Klassen zusammen mit Pfarrer Paul Sattler und StD Günther Schmalisch auf, um im ca 1400 km entferten Siebenbürgen nach den Spuren einer reichen deutschen Kultur und Geschichte zu suchen. 1300 km legten wir dabei in 20 Stunden zurück, bis zu unserem ersten Ziel, dem Hotel Belvedere in Klausenburg (Cluj). Vor dem Check-In lag aber eine lange, spannende und ereignisreiche Nacht, die uns durch drei Weltstädte führte. Zuerst ging und es noch bei Tageslicht vorbei an München, aber war es schon tief in der Nacht als wir in Wien staunend die Größe und Pracht des Schlosses Schönbrunn bestaunten, einst kaiserliche Sommerresidenz und noch heute das größte Schloss in Österreich, das etwas von der Macht und der Bedeutung der k&k Monarchie erahnen lässt.
Während in Deutschland wohl schon alle schliefen, hieß es für die Teilnehmer um 2.30 Uhr, alles aussteigen! Die "Königin der Donau" gab sich die Ehre. Bei einem Rundgang durch die weltberühmte Vaci utca, vorbei an Café Gerbeaud, einem der schönsten in Europa, bei überqueren der im goldenen Glanz der vielen Lichter schimmernden Donau auf der grandiosen Kettenbrücke beim Flanieren unterhalb des eindrucksvoll restaurieren Burgberges und dem Rückweg nach Pest über die Elisabethbrücke, erlebten wir die einmalige Atmosphäre Budapests und ihre Lebendigkeit auch mitten in der Nacht. Es wartete noch ein langer Weg bis zur Grenze nach Rumänien und es schaffte kaum einer die Augen so lange offen zu halten.
Die Sonne war schon aufgegangen, als wir den in früheren Zeiten so gefürchteten Grenzübergang erreichten. In friedlicher Eintracht kontrollieren heute ungarische und rumänische Grenzbeamte die Durchreisenden und nach einem schnellen Blick auf den Personalausweis durch die freundliche ungarische Beamtin war nach wenigen Minuten erledigt, was noch vor knapp drei Jahrzehnten Stunden dauern konnte. Wir hatten freie Fahrt auf rumänischem Boden und während unser Bus neue Kraft tankte stärkten wir uns mit einem von Frau Üschner extra gebackenen Nusskranz. Die kommenden Tage und Unternehmungen vor Augen führte unser erster Weg in die Wechselstube. 4.39 Lei für einen Euro, der Kurs war in Ordnung und nach kurzer Zeit war alle "scheinreich"!

Die Fahrt führte durch kleine Städte und Dörfer. Wir waren in einem anderen Kulturraum angelangt, dies vermittelte sehr schnell der Blick nach draußen. Die Baustile der Häuser, die Anlage der langgestreckten Dörfer, in denen Männer und Frauen neben der Straße auf kleinen Tischen Früchte der Saison meist aus ihren kleinen Gärten hinter den Häusern erkauften. Nicht zu übersehen sind die vielen, vielen Bauruinen, die meist mitten in die weitgestreckten Wiesen und Weiden, oft fernab von Siedlungen als fertige oder halbfertige Rohbauten vor sich hin zerfallen. "Gibt es hier keine Bebauungspläne und Erschließungen?", diese Frage drängte sich sehr schnell auf. In ihrer schmucken Sonntagskleidung zogen die Gottesdienstbesucher aus den meist orthodoxen Kirchen gegen Mittag in den Ortschaften in Scharen langsam, sich noch intensiv unterhaltend wieder nach Hause und wir zogen endlich in unser Hotel "Belvedere" hoch über Klausenburg, unserem ersten Ziel, ein. Nun ist erst einmal Ausruhen angesagt, bevor es dann hinab in die Stadt geh, auf den Spuren der deutschen Siedler in Siebenbürgen.
Diese finden sich in Klausenburg schon sehr früh, wurde sie doch von deutschen Siedlern im 13. Jahrhundert gegründet, dann aber bis heute maßgeblich von der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen geprägt. Nach einigen wichtigen Informationen durch Pfarrer Sattler hoch über den Dächern der Stadt ging es die vielen Stufen hinab, wobei so manchen sicher der Gedanke nicht losließ, dass man die mehrere hundert Stufen ja auch wieder hinauf müsse. Auf dem Weg nach unten konnten wir an einigen Fassaden die verschiedenen Epochen der Stadt erkennen, bevor am monumentalen Reiterdenkmal des Matthias Corvinus, einst König von Ungarn, das Zentrum erreicht war. Nun galt es erst einmal den Hunger zu stillen, was auch allen gelang. Von Regenschauern überrascht, verlief der Rückweg dann schneller als gedacht.

Nach ereignisreichen und auch anstrengenden 28 Stunden ist nun ausreichender Schlaf wichtig, denn morgen geht es weiter auf den Spuren der fast eintausend jährigen Geschichte deutscher Kultur im fernen Siebenbürgen.

Bilder...

2. Tag

„Auf den Spuren von Hermann Oberth“, so könnte man unseren zweiten Tag in Siebenbürgen überschreiben.

Nach einem ausgiebigen Frühstück waren alle pünktlich zur Abfahrt bereit. Während wir Klausenburg unter einer dicken Nebeldecke zurückließen, öffnete sich der Himmel je höher wir kamen. Immer wieder öffnete sich ein herrlicher Blick über die wunderschöne weite Landschaft Siebenbürgens mit ihren weichen Hügeln, dunklen Wäldern, dem „Fleckerlteppich“ an kleinen Ackerflächen und Weiden soweit das Auge reicht. Zum Genuss von einer köstlichen Langos, „der besten in Europa“, ließen sich eine ganze Reihe von Schülern von ihren Reiseleitern überzeugen, kosteten das leckere, herzhafte Schmalzgebäck in Tirgu Mures und waren restlos überzeugt. Aber nicht nur deswegen fiel das saubere und mit Blumenschmuck schön herausgeputzte Neumarkt – so die deutsche Bezeichnung- allen sehr positiv ins Auge. Das Zentrum wird dominiert von der orthodoxen Kathedrale und einige nutzten die Gelegenheit, zum ersten Mal ein orthodoxes Gotteshaus zu betreten.

Am Ende eines kurzen Aufenthaltes in Medias fielen die ersten Regentropfen, die uns bis Birthälm begleiteten. Die weltberühmte Kirchenburg ist ein „Muss für jeden Besucher Siebenbürgens. Sie birgt einige Besonderheiten, vor allem die Tür zur Sakristei, die mit 19 Riegeln verschlossen wird. Das technische Meisterwerk wurde auf der Weltausstellung in Paris 1900 mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Eine weitere für alle bisher unbekannte Sehenswürdigkeit entdeckte Pfarrer Sattler ebenfalls in der Sakristei. Ein Becken aus Stein an der Wand, das eine Öffnung nach außen hat, diente dazu den beim Abendmahl übrig gebliebenen geweihten Wein auszuschütten. Er lief in den um die Kirche gelegenen Friedhof. So nahmen auch die Verstorbenen am Abendmahl teil.

Wir kamen der Heimat Pfarrer Sattlers immer näher. In Schäßburg, dort besuchte er das Gymnasium, hörte der Regen auf als wir den Bus verließen und begann genau dann, als wir wieder einstiegen. Dazwischen lagen wieder viele Treppen. Zunächst hinauf zum Burgberg, vorbei am berühmten Stundturm und dem „Dracula-Haus“ und dann weitere 176 die Schultreppe hinauf. Völlig außer Atem erahnten wir, was es bedeutet, diesen Weg jeden Tag mehrmals zur Schule gehen zu müssen. Enge Verbindungen zu Schaas, dem nahegelegenen Heimatort von Pfarrer Sattler lieferte auch die Bergkirche, die 2004 zur am besten restaurierten Kirche weltweit ausgezeichnet wurde. Neben wertvollen Fresken und Statuen enthält sie auch viele einzigartige Altäre aus Kirchen der Umgebung, so auch den aus der Kirche in Schaas wie auch das Taufbecken, in dem Pfarrer Sattler getauft wurde. Der Weg hinab führte vorbei an einer Büste von Hermann Oberth, einem weiteren berühmten Deutschen, der aus Siebenbürgen stammt. Die Schüler erfuhren, dass der bis heute wegweisende Physiker und Raketenpionier in Hermannstadt geboren wurde, in Schäßburg aufgewachsen ist, in Klausenburg studiert und in Mediasch als Gymnasiallehrer gewirkt hat. Außer Hermanstadt, das wir am Mittwoch ansteuern werden, standen alle Städte heute auf unserem Programm.
Vom teilweise heftigen Regen im sicheren Bus geschützt ging es immer näher an die Karpaten. Dazwischen lag noch der „Geisterwald“ und viele Eindrücke von dem „Land der Gegensätze“. Dass in den kleinen Hütten, die am Rand von Dörfern standen, teilweise ohne richtiges Dach und oft nur notdürftig zusammengehalten, auch Menschen leben können, war kaum zu glauben, aber es ist so. Riesige Einkaufszentren und Industrieunternehmen, meist westlicher Firmen, bieten dazu einen kaum zu beschreibenden Gegensatz. Es war schon dunkel als die Lichter von Kronstadt auftauchten. Einchecken und den Hunger stillen standen nun noch auf dem Programm, bevor wieder der Regen einsetzte, der sich hoffentlich bis morgen wieder verabschiedet hat, denn in und um Kronstadt gibt es viel zu erkunden.

Bilder...

3. Tag

An der Wall Street des Mittelalters

Kronstadt war seit altersher, weil an wichtigen Handelswegen gelegen, eine reiche Stadt, quasi die „Wall Street des Mittelalters“ wie unsere Stadtführerin Mirella es ausdrückte. Diesen Reichtum wollte man auch zeigen, vor allem gegenüber der ständigen „Konkurrentin“ Hermannstadt. Zum Beispiel durch ein Bau einer großen Hallenkirche, die mit zwei Türmen einer Kathedrale gleichkommen sollte. Im Laufe des Baus erkannte man aber, dass man sich verkalkuliert hatte -  welch eine Parallele zur Gegenwart, wovon die vielen „Bauleichen“, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, zeugen – so musste man auf den zweiten Turm ganz verzichten und der eine viel auch viel zu klein aus. Die „Schwarze Kirche“ ist aber dennoch Wahrzeichen der Stadt, das wir natürlich im Verlauf der sehr interessanten und kurzweiligen Stadtführung ebenfalls besichtigten. Die Kirche hat ihren Namen durch einen Brand im 17. Jahrhundert erhalten nach dem sie vollkommen rußgeschwärzt war. Die Spuren sind bis heute zu erkennen. Was sie so besonders wertvoll macht, würde man spontan wohl nicht mit einer Kirche verbinden. Es sind viele orientalische Teppiche, die von Handlungsreisenden zum Dank für eine sichere Rückkehr gespendet wurden. Ein Teil der Sammlung ist in der Kirche ausgestellt.
„Was bedeuten die vier Türme auf dem Katharinentor?“ Die Antwort war in früheren Jahrhundert oft von lebensentscheidender Bedeutung. Sie verkündeten das Recht der Stadt zur Gerichtsbarkeit bis hin zum Fällen von Todesurteilen. Auch in Mediasch hatte der Kirchturm vier kleine Türme und auch in Herrmannstadt werden wir entsprechendes sehen. Eine Stadt musste in den vergangenen Jahrhunderten sich immer wieder den Angriffen verschiedener Angreifer erwehren. Deswegen baute man Stadtmauern. Die Zünfte hatten die Aufgabe jeweils einen Abschnitt davon zu betreuen. Dass die Zunft der Weber in Kronstadt besonders reich gewesen sein musste, erkennt man an der eindrucksvollen Weberbastei -  einem Höhepunkt unserer Stadtbesichtigung. In ihr findet sich ein mehr als 100 Jahre altes detailgetreues Modell der Stadt, an dem sich die ursprünglichen Dimensionen hervorragend erkennen lassen.
Wir erfuhren auch, welch wichtige Personen der Gegenwart aus Kronstadt kommen, so z.B. Günter Bosch, der ehemalige Trainer von Boris Becker und auch sein ehemaliger Manager Ion Tiriac. Auch Peter Maffay wurde ganz in der Nähe geboren, bevor er mit 14 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland auswanderte. Nach so vielen Eindrücken und Informationen tat leibliche Labsal not, bevor am Nachmittag ein weiteres „Muss“ einer Siebenbürgenreise auf dem Programm stand. Die Kirchenburg in Tartlau, auch UNESCO Weltkulturerbe, dokumentiert wohl am besten, wie konkret für die Menschen in früheren Zeiten das Psalmwort „Ein feste Burg ist unser Gott“ für ihr Überleben war. Dicke Burgmauern, Vorrats- und Wohnkammern für jede Familie boten Schutz und Überleben, wenn Feinde den Ort belagerten. Sogar eine Schule und Handwerkskammern waren eingerichtet. In der Mitte der Burg errichteten die Menschen die Kirche. Neben dem materiellen Überleben, war es der Glaube, der in allen Nöten Halt und Schutz gab, durch die Nähe Gottes, die durch die Kirche symbolisiert wurde. „Auch heute suchen die Menschen in Notzeiten die Nähe und den Schutz Gottes, daran hat sich über die Jahrhunderte nicht geändert,“ zog Pfarrer Sattler in der Kirche die Verbindung zur Gegenwart.
Nicht Kirchen, sondern Hotels schießen auf der Schullerau, im Winter ein Skigebiet hoch über Kronstadt, wie Pilze aus dem Boden. Die Auffahrt bot immer wieder einen herrlichen Blick über die Stadt und die weite Ebene vor den Karpaten. Pfarrer Sattler und unser Busfahrer wussten allerhand Geschichten über Begegnungen mit Bären in diesem Gebiet zur erzählen, die mittlerweile gelernt haben, dass die weggeworfenen Essensreste und Abfälle in den Mülltonnen wesentlich einfacher zu erbeuten sind, als wildlebende Nahrungsquellen. Wir bekamen leider, oder zum  Glück, keinen zu Gesicht, dafür genossen wir bei der Abfahrt noch einmal den atemberaubenden Blick in die Weite des Burzenlandes.
Inwieweit sich die Teilnehmer für das morgige Abenteuer des Besuches der Draculaburg mit Knoblauch ausgerüstet haben, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bekannt.

Ob die Schutzmaßnahmen erfolgreich waren, wir der morgige Bericht zeigen.

Bilder...

4. Tag

Reise in die Vergangenheit

Da der Bericht jetzt weiter geht, waren sie erfolgreich. Auch wenn manche desillusioniert wurde, die Törzburg hat mit Dracula nichts zu tun. Die Lage am Rand der Wälder der Karpaten und das Aussehen hat wohl die Phantasie so mancher Vampirgläubiger und auch Geschäftemacher beeinflusst, die Geschichten des Engländers Bram Stoker in dieses Schloss zu verlegen. Gleichwohl gleichen die Beschreibungen im Roman sehr stark dem Schloss in Transilvanien.
So manchen von uns mag ja auch ein etwas mulmiges Gefühl beschlichen haben, als wir durch die engen verwinkelten Gänge mit den knarzenden Treppen gestiegen sind. Die Aussicht von dort ist phantastisch und man kann sich gut vorstellen, dass man Feinde, die durch den engen Pass ins Land eindringen wollten durch die strategisch günstige Lage leicht abwehren konnten.
Wir erreichten jedenfalls alle wohlbehalten, ohne Bissspuren am Hals und nach einem Gang durch die vielen Souvenierstände wieder den sicheren Bus und starteten unsere Fahrt nach Herrmannstadt. Der Weg dorthin glich in doppelter Weise einer Reise in der Vergangenheit. Will wir nicht den Weg auf der vielbefahrenen Hauptstraße wählten, sondern uns unser versierter Fahrer Alfred auf Wegen abseits zunächst durch abgelegene Bergdörfer am Fuß der bereits schneebedeckten Karpatengipfel und dann der Ebene um Fogarasch und Agnetheln chauffierte, erlebten wir ein Dorfleben, das in vielfältiger Weise dem unseren vor 50 oder 60 Jahren gleicht. Auch wenn der Schaukelfaktor manchmal eher einer Hochseefahrt mit heftigem Wellengang glich, war die Fahrt ein einmaliges Erlebnis. Kühe, die ohne menschliche Begleitung über Straßen und durch die Dörfer marschieren, eine Familie bei der Kartoffelernte per Hand und lange Sackreihen, die den Erfolg der Arbeit des Tages dokumentieren, Enten und Gänse, die sich im Dorfbach eines artgerechten Daseins erfreuen, ein Bauer, der hinter einem Pflug läuft, der von zwei Pferden gezogen wird, Pferdefuhrwerke, mit denen etwas Mist oder Holz, Gras oder Heu in gemächlichem Tempo transportiert werden, Frauen die mangels Wasserleitung das kühle Nass vom Dorfbrunnen holen, Menschen, die am Rand ihres Feldes sitzen und sich mit einer Brotzeit stärken, Heu, das für den Winter aufgemantelt ist und immer wieder gemütlich auf der Bank vor dem Haus sitzende altgewordene Männer und Frauen, die sich über die letzten Neuigkeiten unterhalten. All das ist gekennzeichnet von fehlender, uns doch so beherrschender Hektik und Geschäftigkeit oder um es zeitgemäß auszudrücken: Man spürt eine wohltuende Entschleunigung.
Unsere Fahrt war aber noch in anderer Hinsicht, zumindest für zwei Schüler, eine besondere Reise in die Vergangenheit. Die beiden wussten bis zum Schluss nicht, dass wir ihnen die Gelegenheit verschafften, den Heimatort ihrer Eltern bzw. der Mutter zum ersten Mal zu besuchen. Erst als wir das Ortschild von Marpod passierten wurde das Geheimnis gelüftet. Beiden stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Auch wenn sie die genauen Adressen nicht wussten, war es doch bewegend auf den Straßen zu gehen, auf den ihre Eltern schon als Kinder gegangen sind, auf denen sie gespielt, in die Schule und Kirche gegangen sind. Wir verglichen es mit einem Puzzleteil ihrer Biographie, das wir ihnen schenken konnten und wir haben es gerne getan.
Viel über die Vergangenheit und Gegenwart von Hermannstadt, der wohl schönsten Stadt Siebenbürgens, erfuhren wir dann noch während einer sehr kurzweiligen Stadtführung. Auf dem leider wieder durch ein Zelt und zahlreiche Fahrgeschäfte wegen des „Oktoberfestes“ zugebauten herrlichen „Großen Rings“, einem großartigen Platz umgeben von einem beeindruckenden Häuserensemble, wenn man es denn in seiner Gesamtheit genießen kann, erläuterte Stadtführer Roger die Entstehungsgeschichte Hermannstadts, garniert mit zahlreichen Legenden, und beschrieb die herausragende Bedeutung von Samuel von Bruckenthal für die Geschichte der Stadt. Da wir alle ehrliche Menschen sind, war der Gang auf die Lügenbrücke für uns risikolos. Auch deshalb, weil die Meinung, dass die Brücke zusammenbreche, wenn sie Lügner betreten würde, nur auf Grund des dialektalen Gleichklangs von „Lügen“ und “liegen“, was in Hermanstädter Mundart beides „liechen“ ausgesprochen wird, entstanden ist.
Beim Gang, vorbei am Pfarrhaus wurde Pfarrer Sattler an seine Vergangenheit erinnert, wohnte er während seiner Amtszeit in Hermanstadt doch in dem Gebäude. Die mächtige evangelische Kirche und das Bruckenthal Gymnasium, in dem Deutsch Unterrichtssprache ist, bilden ein Ensemble, das nur durch den Pausehof getrennt wird. Welchen Aufschwung die orthodoxe Kirche in den Jahren nach der Wende seit 1989 genommen hat, erfuhren wir in dem Gotteshaus. Allein in Herrmannstadt gibt es heute 51 orthodoxe Kirchen und etwa 85 Prozent der Bevölkerung Rumäniens gehört dem orthodoxen Glauben an. Auch die Tatsache, dass es vor der Wende 68 Klöster gab und sich nun 700 um Nachwuchs keine Sorgen machen müssen, belegt den Aufschwung und die Bedeutung der orthodoxen Kirche in Rumänien heute. Wie  in anderen Städten auch, waren früher die Zünfte für die Verteidigung der Stadt zuständig. Die noch erhaltenen Wehrtürme und Reste der Stadtmauer zeugen davon, dass jede Zunft einen Turm und einen Abschnitt der Mauer zu bewachen und in Stand zu halten hatte. Durch das „Generalsloch“ gelangten wir wieder auf den „Großen Ring“ und nach einem kurzen Spaziergang zu unserem „Hotel Parc“. Der morgige Tag wird mit dem Besuch von Europas größtem Freilichtmuseum zunächst wieder die Vergangenheit streifen. Außerdem kann dort das Rätsel gelöst werden, das StD Schmalisch zu Beginn der Reise gestellt hat: „Wer den Moment erkennt, wenn wir zur selben Zeit zwei Mal vor dem gleichen Haus stehen, bekommt das Haus geschenkt!“  Mal sehen, ob es morgen einen glücklichen Hausbesitzer geben wird!

Bilder...

5. Tag

Ein Spaziergang durch die Geschichte Rumäniens

„Zeig mir dein Dach und ich sage dir, wo du wohnst!“ Dass dies möglich ist, erlebten wir heute im Freilichtmuseum ASTRA bei Hermannstadt, Europas größtes seiner Art. Wir unternahmen bei unserem Rundgang eine Reise in die Vergangenheit Rumäniens, aber gerade der gestrige Tag ließ uns erleben, dass vieles in den Dörfern noch Gegenwart ist.  Aus allen Regionen Rumäniens sind Bauernhöfe und Häuser zusammengetragen und wieder aufgebaut worden, die uns die Lebensumstände der Bauern und Handwerker vorstellbar machten. Da im Gegensatz zu heute, das Material teuer und der Arbeitslohn billig war, verwendete man Materialien, die man möglichst vor Ort vorfand. Wer am Wasser lebte, deckte dann eben sein Dach mit Schilf, wer nahe von Wäldern  lebte mit Holz, sprich Schindeln und wer in der Ebene Getreide anbaute eben mit Stroh. Wir erhielten einen Eindruck von der Kleidung, dem Mobiliar, den Gerätschaften und dem Alltagsleben der meist als Selbstversorger lebenden Menschen und beim Betreten mancher Häuser, die einer Einraumwohnung glichen, konnte man trotz der Einfachheit auch die Gemütlichkeit an den Herden, Öfen und Kaminen bei kaltem Wetter erfühlen. Aus vielem, was wir gesehen haben, sprach auch der Erfindungsreichtum und das Können der Menschen in früheren Zeiten. Sie wussten längst vor uns Wasser- und Windkraft zu nutzen und kannten viele Techniken um das, was die Natur ihnen bot, auch entsprechend zu bearbeiten um ihr Überleben zu sichern. Ob es die Gewinnung von Speiseöl,  das Keltern der Trauben, das Herstellen von Geschirr oder das Bauen von Häusern aus Stroh, Lehm und Mist, das einen optimalen Schutz vor Kälte im Winter und Hitze im Sommer bot, all diese Fertigkeiten und das enorme Wissen gehen verloren, wenn sie nicht der nächsten Generation weiter vermittelt werden, weil nahezu alles käuflich zu erwerben ist.
Darüber nachzudenken gab der Rundgang auch Anlass.  
Außerdem galt es ja noch das Rätsel aufzulösen. Leider kann keiner als neuer Hausbesitzer die Rückreise antreten. Wir standen tatsächlich im selben Moment zwei Mal vor dem gleichen Haus als wir nämlich ein Gruppenfoto machten und Pfarrer Sattler hinter den Schülern einen 10 Lei Schein hoch hielt. Es hatte aber niemand bemerkt, dass das Haus hinter uns auch auf dem 10 Lei Schein abgebildet ist. Deshalb s wechselte der Schein nicht den Besitzer. Man sollte eben immer Augen und Ohren offen halten.
Nach dem Rundgang folgte die Rückkehr in die Fülle des Lebens der Gegenwart. Eine Siebenbürgenreise ohne den Besuch des Wochenmarktes in Hermannstadt ist eigentlich undenkbar. Eine derartige Vielfalt der angebotenen Waren erlebt man nur selten und die Farben der angebotenen Früchte und Gemüsesorten ist ein Fest für die Augen. Überdies gibt es hier alles von der Wasserschildkröte und dem Wellensittich bis zur Kartoffelpresse, Kleidung, Haushaltsgegenstände aller Art, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Gewürze, Honig, Schafskäse und und und….
So mancher Zettel für einen Einkauf vor der Rückreise morgen wurde sicher angesichts des übergroßen Angebots auch zusammengestellt. Das Eine oder Andere wird bestimmt mit nach Deutschland reisen und die Erinnerung an eine einmalige Reise durch Siebenbürgen, die leider morgen zu Ende geht, wach halten.

Bilder...

6. Tag

Rückreise oder ein "Retro-Erlebnis" der besonderen Art

Und es war einiges, was die Rückreise mit nach Deutschland antrat, denn die Fülle des Angebotes  auf dem Wochenmarkt war einfach zu verlockend. Manche Taxis waren vollbeladen und die Errungenschaften verschwanden im Bauch unseres Busses und auch wir nahmen Platz und unsere 20stündige Heimreise begann. Da ahnten wir noch nicht, welch besondere Überraschung auf uns wartete. Beim Grenzübertritt auf der Hinreise lachten wir noch, ob nicht ein „Retro-Grenzübergang“ sinnvoll wäre, um den Jugendlichen das besondere Feeling, das man vor 30 Jahren bei diesem Ereignis erleben konnte. Scheinbar hatte irgendein Geheimnis seine Spürnasen auch in unserem Bus, denn das zuvor ironisch Gemeinte wurde fast Realität. Während der rumänische Beamte in Windeseile seine Kontrollen absolvierte, spielte der ungarische Kollege erst einmal mit einem Hund, obwohl die Warteschlange immer länger wurde. Nach knapp zwei Stunden waren dann auch wir an der Reihe. Es hieß alles aussteigen, in Reih und Glied antreten und auf Befehl den ungarischen „Wichtigtuer“ zugehen, Ausweis vorzeigen und nebenan wieder aufstellen. Nach Bus- und Gepäckraumkontrolle wieder alles einsteigen. Dann 20 Meter vorfahren, wieder anhalten zur Zollkontrolle, wieder Gepäckraum öffnen, zum Glück mussten wir nicht auch noch die Koffer öffnen wie die Busse vor uns. Obwohl auch Ungarn das Schengener Abkommen unterzeichnet hat, scheint sich die Regierung des rechtsgerichteten Viktor Orban nicht darum zu scheren. Die immer besorgniserregenderen Zustände und Schikanen im Land wirken sich nun auch auf die Grenzkontrollen aus. Hoffentlich wird dieser Willkür von Seiten der EU im Sinne dieses wunderbaren Landes und seiner Menschen bald Einhalt geboten.
Trotz dieses Erlebnisses, von dem man gemeint hat, dass es schon längst einer schlimmen Vergangenheit angehört, ließen wir uns die schon traditionelle Gulaschsuppe in Lajosmize schmecken. Obwohl noch etwa 10 Stunden Fahrt vor uns lagen, war es der Abschluss einer wunderbaren, unvergesslichen Woche, an deren Ende alle Schülerinnen und Schüler wohlbehalten ihren wartenden Eltern übergeben werden konnten.

Der traditionelle Abschluss: Gulaschsuppe in Lajosmize